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Institut für Evangelische Theologie


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Prof. i. R. Dr. h.c. Dr. theol. Horst Pöhlmann

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Universität Osnabrück
Professur i. R. für Systematische Theologie
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Tel.: 0541 / 969 - 4285 (Sekretariat)
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Prof. Dr. Dr. h.c. Horst Georg Pöhlmann
18. Juli 1933 – 8. April 2022

Am 8. April 2022 starb Prof. Dr. Dr. Horst Georg Pöhlmann im Alter von 89 Jahren in Wallenhorst bei Osnabrück. Horst Georg Pöhlmann war ein als Systematischer Theologe national und international hoch geschätzter Gelehrter. Der Verstorbene war maßgeblich am Auf- und Ausbau des Instituts für Evangelische Theologie an der Universität Osnabrück beteiligt und hat durch seine engagierte Lehre Generationen von Studierenden gebildet und inspiriert. Sein Abriß der Dogmatik gehört zu den großen Lehrwerken des 20. Jahrhunderts und hat vielen Studierenden auch an anderen Universitäten in der Examensvorbereitung gute Dienste geleistet.

Fest im Glauben seiner lutherischen Kirche verankert diente seine theologische Existenz zum einen der Vergewisserung des eigenen Glaubens durch wissenschaftliche Reflexion, zum anderen der Verständigung von Christen und Sozialisten, zwischen den verschiedenen Konfessionen und den monotheistischen und östlichen Weltreligionen. Für seinen Einsatz für interreligiöse Verständigung erhielt er das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am 18. Juli 1933 wurde Horst Georg Pöhlmann in Rotthalmünster geboren. Seine Kindheit in der konfessionellen Diaspora zur Zeit des Nationalsozialismus, sein Vater war zeitweise im Konzentrationslager Dachau inhaftiert, hat ihn geprägt. Er studierte Philosophie, Philologie und Theologie in Freiburg, Erlangen und Heidelberg. 1963 wurde er in Erlangen zum Dr. theol. promoviert. Seine Dissertation erschien 1965 unter dem Titel Analogia entis oder Analogia fidei? Die Frage der Analogie bei Karl Barth bei Vandenhoeck & Ruprecht. Nach der Promotion in Erlangen war er als Pfarrer und Leiter der Studienstelle der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Karlsruhe tätig. 1969 habilitierte sich Horst Georg Pöhlmann als Schüler Peter Brunners an der Universität Heidelberg, wo er später auch als außerplanmäßiger Professor lehrte und forschte. Seine Habilitationsschrift erschien 1971 unter dem Titel Rechtfertigung. Die gegenwärtige kontroverstheologische Problematik der Rechtfertigungslehre zwischen der evangelisch-lutherischen Kirche und der römischkatholischen Kirche im Gütersloher Verlagshaus. 1979 erhielt Horst Georg Pöhlmann den Ruf an die Universität Osnabrück.

Horst Georg Pöhlmann diente der Systematischen Theologie und ihren Studierenden auf vielfache Weise. Sein Abriß der Dogmatik, der 2002 in sechster Auflage erschien, hat Generationen von Pfarramts-Studierenden geprägt. Seine Übersetzung und Kommentierung der Loci Communes von 1521 verschaffte der Dogmatik Philipp Melanchthons neue Aufmerksamkeit. Vor allem aber öffnete er die Systematische Theologie für den Dialog mit anderen Konfessionen, Weltanschauungen und Religionen.

In den siebziger und achtziger Jahren war der lutherische Theologe, der Zeit seines Lebens Mitglied der CSU war, Pionier im wissenschaftlichen Dialog zwischen Christentum und Marxismus. Aus diesem Arbeitskontext sind zahlreiche Veröffentlichungen entstanden, die als Ausdruck zivilgesellschaftlicher Kooperation zwischen den ideologischen Blöcken während des Kalten Krieges gelten können. In seinem Buch Atheismus oder der Streit um Gott, zu dem sein Freund Milan Machovec ein Geleitwort beisteuerte, erinnerte er Christen und Marxisten gleichermaßen an die Wirklichkeit des Gewissens: „Gott ist die Stimme des Gewissens in mir, die mich warnt, aber auch tröstet. Diese Stimme des Gewissens ist leise, ich höre sie nur, wenn ich in die Stille gehe und mich nicht von den Geräuschkulissen unserer Unterhaltungsindustrie umdröhnen lasse. Jeder kann diese Stimme hören (Röm 2,14f.) und jeder hört sie, wenn man die Menschen fragt – sosehr man sie, weil sie sehr leise ist, jahrelang überhören kann.“

Frühzeitig erkannte Horst Georg Pöhlmann die Notwendigkeit von interreligiöser Verständigung. Er verfolgte dabei das Ziel einer Erfahrungstheologie, die nicht am Schreibtisch, sondern in lebendigen Begegnungen mit einer anderen Religion entsteht. „Man kann eine Religion nur kennenlernen, wenn man mit ihren Gläubigen spricht, betet und lebt“. Es ging ihm darum, vom anderen zu lernen. „Wenn keiner die ganze Wahrheit hat und alle zur Wahrheit unterwegs sind, werde ich auch mir fremde Wege zur Wahrheit ernst nehmen und zu verstehen versuchen; wenn keiner die ganze Wahrheit hat und alle zur Wahrheit unterwegs sind, werde ich den anderen zuerst fragen, was kann ich von ihm lernen, und erst dann, was eint, was trennt.“ Die Begegnung mit Hinduismus und Buddhismus verarbeitete er in seinen Veröffentlichungen Begegnung mit dem Hinduismus (Frankfurt 1995) und Begegnung mit dem Buddhismus (Frankfurt 1998). Horst Georg Pöhlmann war dreimal Gastprofessor am United Theological College in Bangalore (Indien). Für seine theologischen Dienste verlieh ihm dieses Seminar die Ehrendoktorwürde. Das grenzenlose Elend der Slumbewohner, an denen die Entwicklung des modernen Indiens völlig vorbeigeht, berührte ihn tief. Er gründete 1989 den Verein Ausbildungshilfe Südindien, der bisher mehr als 1200 jungen Indern durch Schul- und College-Ausbildung eine Existenz jenseits von Almosen und Krankheit ermöglicht hat.

Konsequent im Dialogstil sind auch die Veröffentlichungen zum jüdisch-christlichen Dialog (zusammen mit Marc Stern, Die Zehn Gebote im jüdisch-christlichen Dialog, Frankfurt 2000) und zum muslimisch-christlichen Dialog (zusammen mit Mehdi Razvi, Islam und Christentum im Dialog, Frankfurt 2006) verfasst. 2004 erhielt Horst Georg Pöhlmann das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für seine Verdienste um die christlich-jüdische und -islamische Verständigung. „Der Friede ist Grundmotiv des Islams und des Christentums wie aller Religionen. Ihre Aufgabe wäre daher, Frieden in die Welt zu bringen und alles zu tun, dass Kriege verhindert werden und Konflikte auf dem Verhandlungsweg beseitigt werden und weltweit abgerüstet wird sowie die ABC-Waffen abgeschafft werden.“ Horst Georg Pöhlmann hat sich mit Veröffentlichungen immer wieder auch an eine breitere Leserschaft gewandt. So hat er das Glaubensbekenntnis „für Menschen unserer Zeit“ ausgelegt (Frankfurt, 2003). „Das ewige Leben ist eine Atem versetzende, keine fade Sache. Ewiges Leben heißt ganzes Glück, das schon in den Fragmenten von Glück meines irdischen Lebens aufleuchtet.“ Sein Buch Wer war Jesus von Nazareth? erschien 2002 in achter Auflage. Wiederholt aufgelegt wurde auch seine Bearbeitung der Bekenntnisschriften der evangelischlutherischen Kirche für die Gemeinde Unser Glaube.

Auch nach seiner Emeritierung 1998 blieb er in Lehre und Forschung präsent.

Die Universität Osnabrück verliert mit Horst Georg Pöhlmann einen im In- und Ausland hoch angesehenen Theologen, der mehr als 20 Jahre lang für die Universität tätig war und der sich bleibende Verdienste um die Dogmatik und den interreligiösen Dialog erworben hat. Das Institut für Evangelische Theologie wird ihm ein dankbares und ehrenvolles Andenken bewahren. Der Verstorbene selbst hat einmal formuliert: „Der Himmel ist keine Illusion, sondern er besteht in der Realität: Niemand kann uns aus seiner Hand reißen (Joh. 10,28), nicht einmal der Tod. [...] Der Himmel besteht in der grenzenlosen Liebe, die Gott ist.“

Für das Institut für Evangelische Theologie:
Prof. Dr. Anselm C. Hagedorn Institutsdirektor
Prof. Dr. Gregor Etzelmüller Institutsdirektor Professor für Systematische Theologie